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Victoire, ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe

De nombreux romans de Maryse Condé ont été traduits en 12 langues. Parmi les derniers parus en langue étrangère a vu le jour la traduction de « Victoire, les saveurs et les mots » en allemand (« Victoire, ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe », paru en janvier 2011).  Nous avons donc choisi, avec l'autorisation de son éditeur allemand de publier durant ce mois de mai chargé en commémoration de l'abolition de l'esclavage un extrait de « Victoire, ... » qui aborde la question de la relation Noirs/Blancs, autrement dit, du racisme, thème récurrent dans les écrit de Maryse Condé.

Extrait à écouter (en allemand) avec l'aimable participation de Ineke Phaf-Rheinberger

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(seite 183)
[ ...] Eine Woche später war es an Boniface, Victoire in seinem
Cleveland in die Rue de Condé zu fahren. Die Truhe mit
ihren Habseligkeiten lud er sich wie ein Lastenträger auf
die Schulter. Das Auftauchen des Cleveland hatte in dem
ruhigen Viertel dieselbe Wirkung wie seinerzeit in Le Moule:
Die Leute traten auf die Balkons oder vor die Türen, um den
Boliden zu betrachten. Sie hatten Grund zum Staunen. Was
hatte dieser weiße Kreole bei den Boucolons zu suchen? Wer
war diese Mulattin, die ihn begleitete? Jeannes Mutter? Sie
sah aus wie eine Frau von den Saintes-Inseln. Kam sie aus
Terre de Haut? Der Reigen der Gerüchte begann sich augenblicklich
wieder zu drehen.


Der unglückliche Boniface hatte die Zeit genutzt. Nacht
für Nacht hatte er Victoire sämtliche Beweise für die Heiligkeit
ihres Verhältnisses dargelegt. Da sie ihm wortlos zuhörte,
wusste er nicht, ob er sie überzeugt hatte. In seiner
Verzweiflung bereitete er sich darauf vor, mit Jeanne selbst
zu sprechen. Er verlangte nicht viel. Man sollte ihm nur
gestatten, seine Victoire hin und wieder zu sehen. Angesichts
von Jeannes verschlossener und verächtlicher Miene begriff
er indessen, dass sie unmöglich Vernunft annehmen würde,
und so schwieg er und stolperte zum Ausgang.

Jeanne hatte für ihre Mutter das schönste Zimmer des
Hauses hergerichtet. Im ersten Stock mit Ausgang zum
Balkon, denn sie wollte sie nicht wie ein Dienstmädchen auf
den Dachboden verbannen. Um in das Bett mit in Kugeln
auslaufenden Säulen zu steigen, brauchte man eine zweistufige
Trittleiter. Der Clou des Mobiliars war zweifellos die
ovale Psyche unter einem dekorativen Bild in einem Stuckrahmen.
Man konnte sich darin von Kopf bis Fuß betrachten.
Die Rührung und die Dankbarkeit, die diese Großzügigkeit
bei Victoire möglicherweise ausgelöst hatte, wurden durch
das folgende Gespräch beträchtlich gemäßigt. In ruhigem
Ton wiederholte Jeanne, was sie ihr bereits in Le Moule zu
verstehen gegeben hatte. In den Kreisen, in die sie eintrat,
war ihre Verbindung mit einem weißen Kreolen inakzeptabel.
Nicht hinnehmbar. Kein Verkehr mehr, ob fleischlicher
oder sonstiger Art. Kein Umgang, der der üblen Nachrede
Angriffsfläche bieten konnte. So wie Cäsars Frau über jeden
Verdacht erhaben sein musste, so durften die Mutter und die
Schwiegermutter der Grands Nègres sich keine Blöße geben.
Die weißen Kreolen waren Feinde. Sie hatten Generationen
von Sklaven geknechtet und ausgepeitscht. Sie hegten nur
einen Wunsch, nämlich die Schwarzen mit allen Mitteln zu
demütigen, sie zu Tieren herabzuwürdigen.
Wäre die kleine Ansprache auf Japanisch gehalten worden,
ihre Wirkung wäre dieselbe gewesen. Für Victoire war sie
unverständlich. Sie wusste nicht, was Wörter wie »Klasse«
oder »Ausbeuter« bedeuteten. In ihren Augen waren die
Walbergs keine Feinde, weder Anne-Marie noch Boniface.
Sie wagte nicht zu sagen, dass sie Freunde seien. Um eine
überholte Wendung zu gebrauchen, die Jeanne in Harnisch
gebracht hätte: Sie hatten sich immer als gute Herren ver-
halten.


Ich gestehe, dass ich nur schwer akzeptieren kann, wie
leicht Victoire auf Boniface verzichtete, der zwanzig Jahre
lang ihr Gefährte gewesen war, der ihr Lust verschafft und
ihre Untreue verziehen hatte, der für den Unterhalt ihres
Kindes gesorgt hatte und der in gewissem Sinne nur für sie
lebte. Ich weigere mich indessen die von den Leuten in La
Pointe allgemein anerkannte Theorie zu akzeptieren, nach
der sie ihm ungeniert den Rücken kehrte, als sie keinen
Vorteil mehr aus ihm ziehen konnte. Ich glaube, dass auch
diesmal die Angst vor ihrer Tochter die Oberhand behielt. Ihr
Paroli zu bieten, auf das Risiko hin, ihr Missfallen zu erregen,
war für sie nicht einen Augenblick vorstellbar. Mit Sicherheit
quälte der Gedanke an Boniface sie und raubte ihr den
Schlaf. Ich sehe sie in der Nacht, wie sie sich, die Augen in der
Dunkelheit weit geöffnet, im Bett wälzt und an ihren Partner
denkt. Ich stelle mir vor, wie sie mitten in den Aktivitäten des
Tages von der Erinnerung an ihn ergriffen wird und innehalten
muss aus Furcht, unversehens in Tränen auszubrechen.
Boniface kam nie wieder in die Rue de Condé, und Jeanne
konnte behaupten, dass seine Beziehungen zu ihrer Mutter
vergangen und vergessen waren. Zu den Festen, Weihnachten
und Neujahr, schickte er ihr treu kostspielige Geschenke,
darunter einen der ersten Radioapparate der damaligen Zeit.
Es überrascht mich, dass Jeanne niemals in ähnlicher
Weise in die Beziehungen ihrer Mutter zu Anne-Marie eingegriffen
hat. Vermutlich fürchtete sie die Letztere, denn
sie wusste, dass sie nicht auf den Mund gefallen und zu den
schlimmsten Skandalen fähig war. Victoire und Anne-Marie
trafen sich jedenfalls weiter täglich auf der Place de la Victoire.
Soweit ich weiß, hielt Boniface sich an Jeannes Anweisungen
und gesellte sich niemals zu ihnen. [ ...]

Abstract von « Victoire, ein Frauenleben im kolonialen Guadeloupe », Litradukt, Kehl, 2011
Übersitzer : Peter Trier

 
Maryse Condé wurde 1937 in Pointe-à-Pitre, Guadeloupe geboren. Nach Studium und Promotion an der Sorbonne lebte sie in Mali, wo sie zu ihrem Bestseller Segu angeregt wurde. 1993 erhielt sie als erste Frau für ihr Gesamtwerk den Puterbaugh-Preis. Sie lebt heute abwechselnd in New York, wo sie an der Columbia University lehrt, und in Paris.

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